Ein Grußwort
Der Kampf um gleiche Rechte, um gleiches Leben, um „Gleichheit, Freiheit und Solidarität“ ist immer ein Kampf auch um unsere eigene Würde.
Denn uns alle gibt es nur im Zusammenspiel mit anderen und diese sind damit immer ein Teil von uns – wer sind wir also, wenn wir zulassen, dass andere leiden.
„Es ist unsere Pflicht, für unsere Freiheit zu kämpfen. Es ist unsere Pflicht zu siegen. Wir müssen einander lieben und unterstützen. Wir haben nichts zu verlieren außer unseren Ketten.“
Ich zitiere hier die US amerikanische Schwarze Assata Shakur, Militante der Black Panther Party, Gefangene im industriellen Gefängniskomplex der USA, befreit von Genossinnen, gejagt von den Behörden, vor kurzem gestorben auf Cuba als freier Mensch.
Assatas Geschichte fordert uns auf, uns daran zu erinnern, dass wir alle gleich sind und dass, wenn eine von uns unter Ungerechtigkeiten und Faschismus leidet, wir alle davon getroffen sind. Mit diesen Worten ist der Kern emanzipatorischer Kämpfe beschrieben.
So alt wie die emanzipatorischen Bewegungen überhaupt, so alt sind die Kämpfe von Frauen um ihre Emanzipation. Frauen mussten dabei immer in zwei Richtungen kämpfen: Zum Einen gegen die Feinde der Freiheit überhaupt, zum anderen gegen die patriarchalen Strukturen der eigenen Bewegung und der männlichen Genossen.
Clara Zetkin benannte das Problem: „In der Theorie sind die Genossinnen schon gleichberechtigt, in der Praxis hängt der Philisterzopf den männlichen Genossen noch ebenso im Nacken wie dem ersten besten Spießbürger.“
Clara Zetkin hatte gemeinsam mit Käte Duncker 1910 auf dem II. Kongress der Sozialistischen Internationale die Einführung eines internationalen Frauen-Kampftages gefordert. Später wurde Clara Zetkin Vorsitzende der Roten Hilfe.
Wie ein roter Faden durch die feministische Geschichte zieht sich die Kriminalisierung von Kampagnen gegen den §218, für das Recht von Frauen, selbst über ihren Körper zu verfügen.
Ende der 1920er Jahre, vor gut 100 Jahren also, beteiligte sich die Rote Hilfe an einer großen Kampagne gegen den §218, gegen die Gefängnishaft von Frauen, die abgetrieben hatten und den Ärztinnen, die ihnen geholfen hatten.
Die Kriminalisierung blieb bestehen.
In den 1970er Jahren wurden Aktivistinnen des Frankfurter Frauenzentrums, die Ärzt*innen in den Niederlanden empfahlen und kollektive Fahrten dorthin organisierten, zu einer „kriminellen Vereinigung“ nach §129 erklärt.
Die Kriminalisierung blieb bestehen. Abtreibung ist immer noch illegal. Der Staat maßt sich das Recht an, über die Körper von Frauen zu bestimmen. Nach wie vor.
Ich meine hier keineswegs nur die Vergangenheit oder entfernte Ländern wie dem Iran oder der Türkei, wo zahllose Feministinnen in den Gefängnissen sitzen.
Wir als Rote Hilfe e.V. beraten und unterstützen regelmäßig Aktivistinnen, die sich hierzulande mit der Justiz herumschlagen müssen, dabei ist geschlechtsspezifische Polizeigewalt keine Seltenheit.
In den letzten Wochen wurden Angriffe gegen Frauen und Trans*personen in Nürnberg während Demonstrationen öffentlich gemacht.
Immer wieder wird uns berichtet von Übergriffen in Festnahmesituationen, gegen Frauen, Lesben, Inter*, Non-binary, Trans und Agender Personen: sexistische Bemerkungen der Polizei, Durchsuchungen des Intimbereichs in Anwesenheit von männlichen Beamten, demütigende Schikanen, …
Seitdem FLINTA um ihre Rechte kämpfen, immer sahen sie sich brutaler Polizeigewalt gegenüber.
Doch sie ließen sich davon nicht ins Bockshorn jagen: In allen Kämpfen um eine menschliche Welt waren Frauen an vorderster Stelle beteiligt.
In den Zeiten des Faschismus waren es die Frauen, die eine Hauptlast des alltäglichen Widerstands trugen. Diehls, der Leiter der preußischen Geheimen Staatspolizei sagte über diese Frauen: die seinen die verstocktesten Staatsfeinde, weil sie trotz Folterungen nicht zu Denunzianten werden.
Seit über 100 Jahren kämpfen Feministinnen und machen unsere Forderungen sichtbar. Schon einmal, 1913 und 1914, wurde der Internationale Frauentag zum Protesttag gegen Krieg und Militarisierung.
Seitdem FLINTA um ihre Rechte kämpfen wurde vieles erstritten
Manche unter uns kommen noch aus Zeiten, in denen der Mann der „Haushaltsvorstand“ war. Es ist noch nicht so lange her: Frauen mussten ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie eine Arbeit annehmen wollten.
Es ist noch nicht so lange her: Frauen konnten ohne die Zustimmung des Mannes keine eigenen Konten eröffnen, also kein eigenes Geld besitzen, schon daher war eine Scheidung kaum machbar.
Erstritten wurde also Zugang zu Bildung, das Wahlrecht, Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe, die zur „Ehe für Alle“ sowie der Einführung der dritten Geschlechtsoption.
Alles das ist kein gesicherter Stand, alles das steht immer wieder zur Disposition.
Seit einiger Zeit beobachten wir das Erstarken rechter Kräfte in Deutschland und weltweit. Faschismus und Militarismus, die alten menschenfeindlichen Strukturen, sind der Kern dieses Erstarkens rechter Kräfte.
Das hat Auswirkungen, denn eine der zentralen Klammern dieser Bewegungen ist der Antifeminismus.
Patriarchale Geschlechterbilder gehen einher mit der Gewalt gegen FLINTA Personen. Diese Geschlechterbilder versuchen uns unsere Vielfalt, unsere Selbstbestimmung und unsere Stärke zu rauben.
Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass wir uns gegenseitig stärken, solidarisch vernetzen und zusammen kämpfen!
Die Rote Hilfe wird an eurer Seite stehen!
Mit dem Hinweis auf die gefangenen Aktivistinnen hier in der BRD möchte ich abschließen. Unsere solidarischen Grüße gehen an die Antifaschistinnen Maja in Ungarn, an Hanna, an die in Düsseldorf Angeklagten, an die in Dresden Angeklagten.
Seitdem FLINTA kämpfen ist dieser Kampf um gleiche Rechte, um gleiches Leben, um „Gleichheit, Freiheit und Solidarität“ immer ein Kampf auch um unsere eigene Würde.
Lasst uns also gegenseitig stärken, solidarisch vernetzen und zusammen kämpfen! Ganz dem Sinne nach den Worten der Kämpferin der Commune zu Paris Louise Michel: „Die Frauen fragten nicht danach, ob eine Sache möglich war, sondern ob sie nützlich war und dann gelang es uns, sie durchzuführen.“
Denn „Es ist unsere Pflicht, für unsere Freiheit zu kämpfen. Es ist unsere Pflicht zu siegen. Wir müssen einander lieben und unterstützen. Wir haben nichts zu verlieren außer unseren Ketten.“
Wir fordern ein Ende der staatlichen Repression gegen feministische Kämpfe!
Schluss mit Angriffen auf Frauen, Lesben, Inter*, Non-binary, Trans und Agender Personen!
Schluss mit Femiziden!
Viel Kraft unseren inhaftierten Genoss:innen!
Wir sind Alle Antifa!
Tod dem Faschismus!
“Jin, Jiyan, Azadî”
Zum Weiterlesen
Der 08. März 2021, der internationale Frauentag, die Frauen der Roten Hilfe
150 Jahre Widerstand gegen § 218

Margarethe Faas-Hardegger – Solidarität verbindet
Bücher für Rote Helfer_innen und auch andere
Der Kampf von Frauen in der Illegalität Aus der Broschüre:70 / 20 Jahre RoteHilfe
https://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/antirepression/rote_hilfe/20-rh-14.html
Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands (RHD)
»Das Rote Frauenaktiv Nordost sammelte in der Märzkampagne 50.- Mark«
https://hans-litten-archiv.de/news/207-gedenkdemo-fuer-die-antifaschistin-frieda-seidlitz
Repression gegen Frauen / Rote Hilfe Zeitung (RHZ) 1.2021
Hier https://rote-hilfe.de/rhz-ausgaben/rote-hilfe-zeitung-1-2022 zum direkten Download.
Auszug Inhaltsverzeichnis der RHZ 1/2022:
SCHWERPUNKT
29 „What the Fuck?!“
32 150 Jahre gegen §218
34 Sexistische Polizeigewalt
36 Freiheit als Sünde
38 Frauen, die kämpfen: Arbeitskämpfe und Feminismus in Tunesien
41 „Ermächtigung und politisches Verständnis“
43 Frauenkampf in der Türkei
46 We fight back – Femizide in der BRD
47 Die Opfer sichtbar machen
49 Die „andere Pandemie“
REZENSION
55 Frauen bildet Banden! – Film über die Rote Zora
AUS ROTER VORZEIT
57 „Werktätige Frauen, hinein in die Rote Hilfe!“
Frauen in der Roten Hilfe
Es ist kaum möglich, zu Frauen der Roten Hilfe in der Kürze etwas Allgemeines zu schreiben, zu unterschiedlich sind die einzelnen Biographien, die Herkunft, die Tätigkeiten und Motivationen. Einige von ihnen sind allgemein bekannt wie Clara Zetkin, andere weniger wie Mentona Moser, die ihr Erbe für ein Kinderheim der RH in der Sowjetunion spendete und später eine große Gefangenenbibliothek in Berlin mit aufbaute, die Münchner Anwältin Elisabeth Kohn, SPD – Mitglied und Mitbegründerin der RH oder Elisabeth Jäger, die wie viele ihrer Genossinnen als Jugendliche Familien Inhaftierter unterstützte und Geld sammelte. Andere sind heute noch kaum bekannt wie die Künstlerin Helen Ernst oder die Tänzerin und Schriftstellerin Jo Mihaly. Weitgehend unbekannt geblieben sind die vielen Arbeiterinnen und Hausfrauen, die die alltägliche Arbeit der RH mittrugen. Sie kamen also aus allen Bereichen der Gesellschaft, waren Hausfrauen, Arbeiterinnen, Akademikerinnen und Künstlerinnen und sie arbeiteten in allen Ebenen der RH, an der Basis wie als Funktionärinnen.

Die RH wandte sich lange nicht ausdrücklich an Frauen und bearbeitete außer der großen Kampagne zur Verteidigung von Dr. Friedrich Wolf und Frau Dr. Kienle, die aufgrund des Abtreibungsparagraphen 218 verfolgt wurden, keine frauenspezifischen Themen. Die jährlich geschätzten 1.000.000 illegalen Schwangerschaftsabbrüche sowie die 20.000 aufgrund des Abbruchs verstorbenen Frauen und die ca. 6.000-7.000 Verurteilten veranlassten die RH den Kampf gegen den § 218 aufzunehmen. Dabei setze sich die RH für die Abschaffung des Paragraphen und eine Amnestie aller aufgrund von Abtreibungen verfolgten Frauen, Ärztinnen und Ärzten ein.
Der Frauenanteil der RH war mit ca. einem Fünftel und bis 1932 mit 26,7 % der Mitgliedschaft relativ hoch im Vergleich zu allen Organisationen der Arbeiterbewegung. In den Leitungsebenen waren jedoch nur wenige Frauen zu finden.
Alle haben sich dabei mehr oder weniger auch mit den patriarchalen Strukturen der Arbeiterbewegung und den der männlichen Genossen herum schlagen müssen. Clara Zetkin benannte das Problem: „In der Theorie sind die Genossinnen schon gleichberechtigt, in der Praxis hängt der Philisterzopf den männlichen Genossen noch ebenso im Nacken wie dem ersten besten Spießbürger.“
Beispielhaft dazu die Diskussionen auf der 1. Reichskonferenz des „Rotfrontkämpferbund“ (RFB): Es war zu Auseinandersetzungen über die Frauen im RFB gekommen, die z.T. hohe Funktionen innehatten. Sowohl Argumente für den Verbleib der Frauen im RFB als auch die dagegen zeigen, wie immer noch ein tief im bürgerlichen verhaftetes Denken im Verhältnis zu Frauen innerhalb der kommunistischen Bewegung vorhanden war. Für den Verbleib von Frauen im Bund wurden z.B. angeführt die Verwendbarkeit im Sanitätsdienst sowie die möglicherweise steigende Anziehungskraft des Bundes. Dagegen eingewandt wurde u.a. eine Zersetzung der “Manneszucht” durch Frauen sowie eine angeblich erwiesene geringe politische und nervliche Standhaftigkeit der Frau. Letzten Endes kam es zur Gründung der Organisation „Roter Frauen- und Mädchenbund“ (RFMB), deren 1. Vorsitzende Clara Zetkin wurde. Die gesamte Arbeit lag in den Händen von Helene Overlach, die als 2. Vorsitzende gewählt wurde. Als Leiterin der Frauenabteilung des ZK der KPD spielte Helene Overlach auch eine entscheidende Rolle bei der inhaltlichen Konzeption und organisatorischen Entwicklung der so genannten Frauendelegiertenbewegung, durch die auch sozialdemokratische Frauen angesprochen werden sollten. Arbeitsfelder der Bewegung waren z. B. der §218 oder die Unterstützung von Streiks und Anti-Teuerungskampagnen. Ab 1933 arbeitete Helene Overlach als Bezirksleiterin der Roten Hilfe im Ruhrgebiet. Verbunden ist ihr Name aber vor allem mit der Frauenpolitik der KPD, z.B. der Durchsetzung des 08. März als Internationaler Frauentag.
Am 28. März 1928 erklärte Clara Zetkin auf einem Kongress der sowjetischen Roten Hilfe MOPR: „Den Frauen wird nachgerühmt, dass die Mutterschaft sie besonders empfindsam und mitfühlend für Leiden und Dulden macht. Schaffende Frauen! Beweist eure warmherzige menschliche Mütterlichkeit. […] Sie eröffnet euch ein fruchtbares Tätigkeitsfeld, sie ermöglicht euch den Nachweis, dass euer Verstehen weitreichender, euer Herz größer und heißer, euer Wollen und Handeln kraftvoller ist, als es das Wirken in dem engen Familienheim erfordert. […] MOPR-Sache ist Frauensache!”
In ihrem Aufruf an die Frauen in der RH mitzuarbeiten betonte Clara Zetkin trotz ihres ansonsten formulierten Gedankens der Gleichheit von Frauen („Die Gleichheit“ hieß die von ihr und Emma Ihrer herausgegebene Zeitschrift, die als Organ des Internationalen Frauenbüros die proletarische Frauenbewegung stärken sollte) die unterstützenden Aufgaben wie Sammeltätigkeiten und dem Schreiben an Gefangene oder deren Angehörige und Familien zu besuchen.
Tatsächlich war es wohl, wie der Historiker Hans – Jürgen Arendt zur Rolle der Frauen in der Arbeiterbewegung feststellt: „Der Anteil der Frauen lag umso höher, je mehr diese Organisationen neben propagandistischen und agitatorischen Zielsetzungen sowie der Pflege ihres Organisationslebens praktische solidarische Aufgaben im Rahmen des proletarischen Kampfes verfolgten“. „Die Rollenmuster wurden nur dann unterbrochen, wenn es um die öffentliche Demonstration der politischen Emanzipation der Frau in der Arbeiterbewegung ging, wie sie von Clara Zetkin und Jelena Stassowa nicht nur propagiert, sondern persönlich praktiziert wurde. Frauen erschienen auch dann in exponierten Positionen, wenn sie als Unterstützerinnen oder Sachverständige gebraucht wurden, wie bsp. Mentona Moser und Meta Krauss – Fessel zeigen.“ Meta Krauss Fessel, als erste Frau Beamtin im preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt als Regierungsrätin, hatte sich im Streit um das Kinderheim Barkenhoff engagiert und die Broschüre „Polizei gegen Kind und Kunst“ geschrieben, später dann zusammen mit Werner Hirsch die Broschüre „Der Leidensweg Erich Mühsams“ verfasst.
Auch eine bedeutende Vorläuferorganisation der RH, die Münchener Frauenhilfe für politische Gefangene, arbeitete nach diesem Muster der Unterstützung von Frauen für den männlich konnotierten Klassenkämpfer. Nachdem die Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919 zerschlagen worden war, waren viele Arbeiter getötet oder saßen im Gefängnis und deren Familien waren weitgehend mittellos. Um diesen in ihrer Not zu helfen gründeten Fanny Hagemeister und Rosa Aschenbrenner die Frauenhilfe und versorgten auch die gefangenen Räterepublikaner “mit Nahrungsmitteln, Kleidern, Barmitteln, Rauchwaren usw.” Anfangs auch getragen von der SPD und dem Gewerkschaftsbund wurde diesem aber der KPD – Bezug zu stark und 1923 die Frauenhilfe aufgelöst. Rosa Aschenbrenner arbeitete von da an als Organisatorin der RH weiter.
In der RH setzte sich dieses Muster fort. Nur vereinzelt sind Frauen als Angeklagte von der RH unterstützt worden, vor allem gehörten sie als Ehefrauen politischer Gefangener und als Familienmütter zur Zielgruppe der Organisation. Auch wenn die tatsächliche Leitung der RH anfangs in den Händen von Jelena Stassova lag und trotzdem Erna Halbe als Mitglied der Leitung der RH mit der Parole: “Politischer Gefangener zu sein, ist keine Schande, sondern eine proletarische Ehre” gegenzusteuern versuchte, gelang es nicht immer, Frauen zu mobilisieren, oft spielte dabei eine Rolle, dass es weitgehend als Schande angesehen wurde, einen Mann im Gefängnis zu haben, einen „Sträfling“. Besondere Ausnahmen sind Trude Hoelz und Zenzl Mühsam, die bei den Kampagnen zur Unterstützung ihrer Ehemänner bei öffentlichen Versammlungen und Kundgebungen sprachen.

Maria Krüger fing genau in diesem oben beschriebenen Sinn mit der Arbeit in der RH an: „Die Arbeit in der Roten Hilfe sagte mir am meisten zu: An Gefangene, die keinerlei persönliche Beziehungen zu anderen Menschen außerhalb des Gefängnisses haben, zu schreiben, bei anderen die Verbindung zur Familie wieder herzustellen und vor allem, sich um die Familien zu kümmern, dort zuzugreifen und zu helfen oder bei großer Armut, Lebensmittel, Kleider und Sonstiges, besonders für heranwachsende Kinder zu organisieren u.ä.“ Im Weitern politisierte sie sich jedoch nachdrücklich und blieb bis zu ihrem Tod politisch in der kommunistischen Bewegung aktiv. So „lernte ich auch, dass unser Tun hier nicht einfach caritative Hilfe für Unglückliche beinhaltete, sondern dass sie immer verbunden war mit der Weitergabe von Hoffnung, von einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl, von der Gewissheit, damit zur endgültigen Überwindung des Elends beizutragen, dem Recht auf der Seite der Unterdrückten – eben Solidarität!“
Ein weiteres wichtiges Erlebnis war ein Streik Anfang der 1930er Jahre. „Hier begriff ich, was Klassenkampf ist und was Solidarität bedeutet und bewirken kann, – und welche Verpflichtung deshalb auf uns liegt. Erst in der Aktion selbst habe ich erfahren, worin sich proletarische Solidarität von mitfühlender, caritativer Hilfe unterscheidet: In der völligen Auflösung der Situation Geben und Nehmen! Beide Seiten sind Kämpfer desselben Kampfes, nur an verschiedenen Abschnitten und beide verändern sich selbst während der Aktion.“
Die Abgrenzung zur „stinkenden Wohlfahrt“, wie Mentona Moser die bürgerlichen caritativen Organisationen und Institutionen nannte, war der RH wichtig. Trotzdem ihre Arbeit im Konkreten sich in einigem ähnelte, auch wenn sie eingebettet war in den Zusammenhang des Klassenkampfes, traf sie dadurch nicht nur die klassischen Bereiche der weiblichen Zuschreibungen, sondern bewegte sich auch in den vorwiegend weiblichen Lebensbereichen. Hausfrauen kannten die Lebensmittelhändler, bei denen sie um Spenden nachkommen konnten, als Hausfrauen hatten sie eher Zeit, Angehörige von Gefangenen zu besuchen, sie kannten ihre Viertel und waren daher oft als Kassiererinnen eingesetzt. Diese Netzwerke von kleinen lokalen Gruppen waren oft von Frauen getragen. Ein weiterer Punkt mag durchaus auch sein, dass Frauen sich nicht gerne in den Kneipen, den üblichen Treffpunkten also, aufhielten und endlos herumpolitisieren mochten, sondern eine konkrete Tätigkeit mit sichtbaren Erfolgen im lokalen Bereich für sinnvoller erachteten.
Erst spät wurden Frauen gezielt für die Arbeit in der RH angesprochen. Nick Brauns dazu: „Eine Frauenkommission beim Zentralvorstand leitete Anfang der 30er Jahre den Aufbau von Frauenaktivs der Roten Hilfe. Neben der Beteiligung an den allgemeinen Aktivitäten der Roten Hilfe stellten die “Frauenaktivs” Forderungen wie die Amnestierung der Opfer des Abtreibungsverbotsparagraphen 218 in den Vordergrund und hielten eigenständige Frauenversammlungen ab, auf denen bevorzugt Frauen politischer Gefangener sprachen. Wo Frauen an der Basis gezielt gefördert wurden, gehörten sie zu den aktivsten Mitgliedern und übernahmen örtliche Führungsfunktionen.“
Später in der Zeit der Illegalität funktionierten diese Gruppen immer noch, z.B. bei der Unterbringung und Fluchthilfe für gefährdete Personen. Besonders zu dieser Zeit übernahmen Frauen wichtige Funktionen in der Aufrechterhaltung der Arbeit. Dabei konnten sie darauf setzen, dass die Faschisten sie als Frauen oft nicht ernst nahmen. Minna Fritsch, Kassiererin für die Rote Hilfe in Berlin übernahm z. B. noch in hohem Alter die gefährliche Aufgabe als Kurierin und hielt von Prag aus Kontakt zu einem Netz in Berlin: „mich olle Frau hält doch niemand für eine Widerstandskämpferin“ sagte sie später über diese Zeit.

Ottilie Pohl stieß 1933 zu einer illegalen Gruppe der RH in Moabit um Rosa Lindemann und Martha Krüger. Diese Gruppe bestand vor allem aus Frauen und tarnte sich als Kaffee- und Nähkränzchen. Die AktivistInnen trafen sich in ihren Wohnungen oder in Gartenlauben der Schrebergärten von Roten HelferInnen. Die Gruppe organisierte die Betreuung von Kindern, von denen ein Elternteil verhaftet worden war oder untertauchen musste. Es wurden Geld, Lebensmittel und Kleidung gesammelt. Dafür veranstalteten die Frauen z.B. Kaffeenachmittage mit musikalischer Begleitung; das gesammelte Geld ging an die Rote Hilfe. „Einige unserer Frauen halfen den Männern, deren Frauen verhaftet waren, in der Wirtschaft und betreuten die Kinder. Wir hatten über dreißig Familien erfasst und konnten manches Leid lindern. Es war für uns eine besondere Freude zu hören, wie froh unsere Genossen in den Gefängnissen und Zuchthäusern darüber waren, dass wir uns um ihre Angehörigen kümmerten und sie umsorgten“, so Rosa Lindemann. Außerdem organisierten Frauen Verteilaktionen für illegale Schriften und Flugblätter. Auch die Unterstützung der Gefangenen und Untergetauchten selbst organisierten die Frauen. WiderstandskämpferInnen wurden in wechselnden Wohnungen versteckt, versorgt und weitergeschleust. Vor allem das Halten von Verbindungen war eine hochgefährliche Tätigkeit, da die Polizei versuchte, die illegalen Strukturen mit eingeschleusten Denunzianten zu zerschlagen. Einem dieser illegalen Kreise – vielleicht sogar dem mit Ottilie Pohl – gelang es noch 1935, eine 10-seitige Frauenzeitung der Roten Hilfe in einer Auflage von 1000 Stück restlos zu verkaufen.
„Im faschistischen Deutschland bezeichnet Diehls, der Leiter der preußischen Geheimen Staatspolizei die Frauen als die verstocktesten Staatsfeinde, weil sie trotz Folterungen nicht zu Denunzianten werden. Es sind die Frauen, die den Gerichtsvollzieher aus den Häusern und die provozierenden Nazis aus dem Wohlfahrtsamt verjagen. Auf den Märkten kommt es vielfach infolge der ungeheuerlichen Verteuerung der Lebensmittel zu Unruhen, bei denen die Frauen eine führende Rolle spielen. Die proletarischen Hausfrauen stellten im Ruhrgebiet eine Delegation zusammen und verlangten in den Betrieben für ihre Männer Lohnerhöhung. Frauen verhindern Verhaftungen und verlangen die Freilassung ihrer Männer. So in Berlin und Breslau, wo die Frauen der Polizei einen verhafteten Lehrling und Markthändler entrissen. In Berlin konnte in einem Betrieb die Polizei eine Kommunistin nicht verhaften, weil die Arbeiterinnen mit Streik drohten. Im Rheinland zogen 40 Frauen vor das Landratsamt und forderten die Freilassung ihrer Männer. In einem anderen Ort erzwangen 60 Frauen mit ihren Kindern durch eine Demonstration die Freilassung von 40 Gefangenen. In Freiburg erreichten Frauen die Freilassung einer Kommunistin.“ (Frauen in der Solidaritäts- und Kampffront!, Mopr-Verlag Zürich 1934)

Viele Frauen mussten ins Exil gehen, viele bezahlten ihr Engagement mit langer Haft oder dem Tod. Auch in den vielen Lagern gelang es den Frauen, widerständige Kreise aufzubauen, ihre Leidensgenossinnen zu unterstützen und ihre widerständige Haltung aufrechtzuerhalten. Viele kehrten aus den Lagern nicht zurück. Viele der Überlebenden fanden immer noch die Kraft, sich einem Neuaufbau zu widmen, in unterschiedlicher Weise und in beiden deutschen Staaten.
Es fallen uns noch viele Frauen ein, die hier keine Erwähnung finden können. Ist in der Geschichtsschreibung die Rote Hilfe selbst nur wenig untersucht worden, so gilt das in besonderem Masse für die Frauen – wie es ja allgemein in der Geschichtsschreibung immer noch der Fall ist. Erst langsam kommt die eigenständige Arbeit von Frauen in den Blick, so sind – um nur eine Auswahl zu nennen – einige Bücher erschienen, z.B. über Margarethe Hardegger, Amalie Pinkus de Sassi, oder Meta Krauss Fessel („Gelebte Emanzipation“) in denen auch ihre Arbeit für die RH eine Rolle spielt. Im von Sabine Hering und Kurt Schilde herausgegebenen Buch „Die Rote Hilfe. …“ werden Jelena Stassowa, Rosa Aschenbrenner, Ella Ehlers und Mentona Moser vorgestellt. Unter anderem von Mentona Moser und Jelena Stassova liegen die Lebenserinnerungen vor, über die im „Internationalen Sozialistischen Kampfbund“ organisierte Nora Platiel, die als Rechtsanwältin Gefangene verteidigte und Gutachten für die RH schrieb, haben Helga Haas-Rietschel und Sabine Hering eine Biographie verfasst.
Fast durchgehend kommt in den Biographien zum Ausdruck, dass die Frauen sich durchaus nicht auf „Unterstützerinnen“ reduzieren lassen, ihre selbständige Haltung, ihr Einfallsreichtum in der politischen Aktion und ihre Eigenständigkeit sind beeindruckend und wegweisend.