Buchvorstellung & Podiumsdiskussion: Staatsgewalt statt Klimaschutz
10.12.2026
18 Uhr
Hauptgebäude Leibniz Universität Hannover, Raum B302
Carla Hinrichs liest aus ihrem Buch “Meine verletzte Generation”. Als Aktivistin setzte sie sich ein, dass der Staat Gesetze zum Schutz des Klimas einhält und steht dafür nun selbst vor Gericht.
Carla Hinrichs:
Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät. Tropen-Verlag, 272 S., br., 18 €.

Wenn der Staat die eigene Untätigkeit in der Klimakrise durch die Kriminalisierung derjenigen kaschiert, die sie anprangern, wird die Funktion bürgerlicher Rechtsstaatlichkeit offenbart. Carla Hinrichs zieht in ihrem aktuellen Werk „Meine verletzte Generation – Wie der Staat uns alle verrät“ Bilanz aus den Jahren der Straßenblockaden, Gerichtsprozesse und Razzien.
Ihr Bericht ist eine scharfe Anklage gegen einen Staat, der die Interessen der fossilen Industrie mit dem Polizeiapparat verteidigt, während er eine ganze Generation opfert.
Doch die Ereignisse werfen auch für die Linke essenzielle Fragen auf: Wie wirksam sind rein moralische Appelle an die politische Elite? Wo stieß die Taktik des zivilen Ungehorsams der Letzten Generation an ihre Grenzen? Wie reagieren wir als soziale Bewegungen kollektiv auf die fortschreitende Autoritarisierung der Justiz?
Im Anschluss an die Lesung diskutieren wir gemeinsam mit Carla Hinrichs über die Notwendigkeit solidarischer Bündnisse, staatliche Repression und Perspektiven für einen systemkritischen Klimawiderstand.
Es geht um Demokratie und um die Verfasstheit des deutschen Staates. Es geht um den Paragraphen 129 StGB – also um die Bildung krimineller Vereinigungen. Ein Gesetz, das benuzt wird, um Grundrechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit anzugreifen. Die Anklage gegen Carla Hinrichs und die Letzte Generation wird zu einem Präzedenzfall gegen die Zivilgesellschaft.
Carla Hinrichs, geboren 1997, ist Klimaaktivistin und Autorin. Sie wuchs in Bremen auf, während ihrer Schulzeit war sie politisch aktiv bei Amnesty International. 2015 begann sie ein Jurastudium, das sie bis zum ersten Staatsexamen verfolgte. Aber die Klimakrise kam dazwischen. Ab 2022 engagierte sie sich bei der Letzten Generation, war in Talkshows zu Gast, sprach auf Podien oder kommentierte vor Ort die Proteste. Ihr erstes Buch “Meine verletzte Generation – Wie der Staat uns alle verrät” erschien im Februar 2026.

Bildrechte: Stefan Müller (climate stuff, 1 Mio views) from Germany – Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.
Zum Weiterlesen:
„Schlafwandeln in den Faschismus“: Carla Hinrichs hält unsere Demokratie für gescheitert
Stand: 13.02.2026 Von: Sophia Sichtermann
Du beginnst dein Buch mit der Hausdurchsuchung durch die Polizei. Warum dieser Moment?
Der Tag war der einschneidenste in meinem Leben. Einerseits war es das Krasseste, was mir je passiert ist: in meinem Bett zu liegen und in den Lauf einer Waffe zu blicken. Andererseits hat dieser Tag gezeigt, wie Gegenwind zu Rückenwind werden kann. Noch am selben Tag sind tausend Menschen in Berlin auf die Straße gegangen, Hunderte haben sich für Proteste angemeldet, in ganz Deutschland gab es Protest-Märsche. Innerhalb weniger Tage wurden 300.000 Euro gespendet, NGOs und Prominente solidarisierten sich.
<<https://taz.de/Carla-Hinrichs-ueber-Widerstand/!vn6180152/
Carla Hinrichs über Widerstand „Ich berufe mich auf das Grundgesetz“
Carla Hinrichs ist eine der bekanntesten Klimaaktivistinnen. Sie zweifelt an Staat, Rechtsstaat, Demokratie und klagt eine „elitäre Klasse“ an. Ihre eigene Anklage verhandelt sie in ihrem neuen Buch.
20.5.2026
taz FUTURZWEI: Carla Hinrichs, Sie haben ein Buch geschrieben mit der Unterzeile: „Wie der Staat uns verrät“. Wie verrät uns der Staat denn?
Carla Hinrichs: Er verrät uns junge Menschen, wenn er sagt, er schütze uns und bereite uns eine Zukunft. Das tut er offensichtlich nicht, wir müssen nur auf die Klimakrise schauen. Er gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist; ein toller Rechtsstaat mit funktionierender Gewaltenteilung. Wenn die Regierung sich nicht an die Gesetze hält und Gerichtsurteile ignoriert, löst der Rechtsstaat sich auf. Ich bin mir nicht sicher, ob man das noch als Demokratie bezeichnen kann. Und der Gleichheitsanspruch unserer Verfassung wird verraten. Der Staat macht das Hier und Jetzt so gut wie möglich für eine elitäre Klasse, und alle anderen?
taz FUTURZWEI: Diese Argumentation wendet auch manch ein:e Rechtspopulist:in an, wo liegt der Unterschied in Ihrer Kritik?
Carla Hinrichs: Der Unterschied ist fundamental. Rechtspopulisten treten nach unten, sie bauen Feindbilder auf, hetzen gegen Minderheiten und Geflüchtete. Sie haben kein Interesse an einer funktionierenden Demokratie, die uns alle schützt und zusammenbringt. Ich berufe mich auf das Grundgesetz und die Wissenschaft. Was ich sage, mag unbequem für die Mächtigen sein, aber ich stelle die Demokratie nicht deshalb infrage, weil ich sie abschaffen will. Ich fordere sie heraus, wenn sie sich nicht an ihre Versprechen hält und erwarte von ihr wahrhaftig demokratisch – von allen für alle – zu sein.
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Carla Hinrichs: Aus Gegenwind wird Rückenwind
»Meine verletzte Generation«: Klimaaktivistin Carla Hinrichs klagt an und macht Mut
17. Februar 2026 Interview FRANK WILLMANN
Warum beginnt Ihr Buch so martialisch mit der Erstürmung Ihrer Wohnung durch die Polizei am 23. Mai 2023, bei der Sie am Ende gar in die Mündung einer Waffe blicken?
Dieser Tag schlug eine tiefe Kerbe in meine Biografie und markierte zugleich einen Höhepunkt unseres friedlichen Protestes. …
Wie erklären Sie die Tatsache, dass Ihnen und Ihren Mitstreitern, jungen nachdenklichen Menschen, an diesem Tag die »Bildung einer kriminellen Vereinigung« vorgeworfen wurde?
Schon die Monarchen im 19. Jahrhundert und die Nazis nutzten den Vorwurf der »Bildung einer kriminellen Vereinigung«, um die demokratische Opposition zu unterdrücken. Diese Tradition gegenüber jenen, die eine bessere Welt für alle fordern, wird heute gegenüber jungen Menschen, die sich eine Zukunft wünschen, fortgeführt. Unser Protest hat den Finger in die Wunde gelegt. Jeden Tag haben wir gezeigt, dass die Regierung sich nicht an ihre eigenen Gesetze hält. Es ist ein politisches Problem, mit dem wir den Staat konfrontierten. Doch er war damit so überfordert, dass er versuchte, es juristisch zu lösen. Dass das nicht geht, liegt auf der Hand. …
Wie geht es bei Ihnen weiter? Wild und radikal?
Vielleicht ist »wild und radikal« genau das, was unsere Welt braucht: Radikal die Dinge bei der Wurzel packen und verändern wollen und wild Visionen für unsere Zukunft entwickeln, sich nicht verdummen und einsperren lassen in Zerstörungs-Ideologien. Für beides braucht es Mut. Ich hoffe, dass ich ihn immer wieder finden werde. Im Moment lebt in mir auf jeden Fall noch einiges an Wut und Hoffnung, um den Mut zu schöpfen, mit dem weiterzumachen, was mich bisher anspornte.
„Für mich als Mensch ist das katastrophal“: Carla Hinrichs rechnet mit zehn Jahren Strafprozess
Stand: 27.05.2026, 13:59 Uhr von: Thomas Stillbauer
Klimaaktivistin Carla Hinrichs ruft in der Frankfurter Klimakneipe dazu auf, ein Bauchgefühl zu entwickeln und fordert: „Demokratie muss demokratischer werden“. …
… Carla Hinrichs, Rädelsführerin nach Paragraf 129, stellt sich auf zehn Jahre Strafprozess ein. „Für mich als Mensch ist das katastrophal“, sagt sie. „Ich habe Angst davor, ins Gefängnis zu gehen.“ Und selbst wenn sie nach Jahren freigesprochen werde: Die abschreckende Wirkung auf andere Klimaaktive sei längst eingetreten. …
… Hinrichs erinnert daran, dass sie in Frankfurt wegen Straßenblockaden zu zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde. Gleichzeitig hätten Bauern ganze Autobahnen lahmgelegt: „Die hatten nie eine Rettungsgasse, die haben Politiker bedroht – gab es da solche Verfahren?“ Alexander Dobrindt (CSU), damals in der Opposition, nun Bundesminister des Innern, habe gesagt, eine „Klima-RAF“ müsse verhindert werden. „Wir als Bevölkerung dürfen uns das nicht bieten lassen“, ruft Hinrichs auf. „Man muss den Protest nicht gut finden, um dafür zu sein, dass es ihn geben sollte.“. …
… Der Erfolg der Letzten Generation sei, dass heute alle wüssten: „Wir müssen uns nicht mehr auf die Straße stellen – wir können davon ausgehen, dass diese Regierung sich mit Klimaschutz nicht ernsthaft befasst.“. …
… Aufgabe der Zivilgesellschaft sei es, demokratische Strukturen miteinander zu schaffen. „Von oben werden sie nicht kommen. Die Demokratie muss demokratischer werden.“ …
Sprecherin der “Letzten Generation” zu Bewährungsstrafe verurteilt 11.05.2023
Die Sprecherin der “Letzten Generation”, Carla Hinrichs, ist wegen einer Protestaktion vom AG Frankfurt zu zwei Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Sie werde aber weiter auf die Straße gehen, erklärt sie über Twitter. … … … Wie t-online berichtet, wurde Hinrichs nun im Hauptverfahren vom Amtsgericht (AG) Frankfurt am Main zu einer zweimonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.
Laut t-online begründete der Richter sein Urteil damit, dass eine moralische Begründung für ihre Protestaktion vor dem Gesetz keine Rolle spiele. “Bei einer Demonstration wird der Verkehr von der Polizei gesperrt. Sie jedoch haben gezielt Autofahrer am Weiterfahren gehindert. Ob Ihre Aktion eine Relevanz hat, ist juristisch völlig egal.” … … …
<<https://taz.de/Prozess-gegen-Klimaaktivistin-Carla-Hinrichs/!5916813/
Prozess gegen Klimaaktivistin Carla HinrichsGericht erinnert ans Sauriersterben
Die Sprecherin der Gruppe Letzte Generation steht wegen einer Straßenblockade vor Gericht. Der Richter zeigt sich unbeeindruckt. 17.2.2023
… Hinrichs hält die Straßenblockade, für die sie angeklagt wurde, nicht für strafbar, wie sie vor dem Gerichtstermin schon im Interview mit der taz sagte. Formal lautet der Vorwurf Nötigung. „Wenn ich mir die Gesetze angucke, dann braucht es für eine Nötigung ein verwerfliches Verhalten“, so die Aktivistin
LTO-Podcast “Allein unter Juristen” Mit zivilem Ungehorsam gegen den Klimawandel 27.04.2022
“Das ist so ein Elefant im Raum, dass die Bundesregierung sich in einer aktuellen Stunde zusammensetzt und über Straßenblocken spricht, anstatt sich zusammenzusetzen und darüber zu sprechen, wie sie unsere Gesellschaft rettet”, so die Klimaaktivistin Carla Hinrichs, Gast in der zweiten Folge des LTO-Podcasts Allein unter Juristen. Sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter vom Aufstand der “Letzten Generation” fordern wirksame Schritte gegen den Klimawandel – und zwar jetzt. Sie blockieren Autobahnen, zum Beispiel, indem sie sich mit einer Hand auf den Asphalt kleben, und machen damit Schlagzeilen. … … …
Legalität von Autobahnblockaden Die wilde Seite der Demokratie
Gastbeitrag von Prof. Dr. Tim Wihl 14.02.2022
Protestierende, die sich auf Autobahnen festkleben, können zwar politisch und moralisch durchaus kritisiert werden – aber verfassungsrechtlich? Tim Wihl über die Legalität von Sitzblockaden. … … …
Die Sitzblockade ist nämlich eine Protestform von höchsten demokratischen Weihen, eine Art Juwel der bundesdeutschen Protestgeschichte. Jeder Staat – ob Diktatur oder repräsentative Demokratie – bedarf eines Korrektivs in Gestalt einer aktiven Bürger:innenschaft, die das “Ungezähmte” und Unmittelbare des demokratischen Prinzips permanent zum Ausdruck bringen darf.
Die Judikatur zu Sitzblockaden – eine Saga
Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat in diesem Sinne in seinem berühmten Brokdorf-Beschluss eine Magna Carta der aktiven, starken und partizipatorischen Demokratie verfasst, deren Radikalität immer noch erstaunt, indem Karlsruhe das Wilde, Ungezähmte, Herrschaftskritische an der Demokratie würdigte und so ganz anti-etatistisch als Bürger-Gericht urteilte. … … …
… Der Beschluss von 2011 formuliert unter der Randnummer 32 zunächst, dass Blockaden unter den Versammlungsbegriff des Art. 8 Grundgesetz (GG) fallen. Denn rein geistig müssen Demos nicht sein – es geht gerade auch um physische Präsenz, das “Bezeugen” durch den Körpereinsatz.
Anschließend stellt das BVerfG fest, dass Blockaden auch in aller Regel friedlich sind – unbeschadet der Tatsache, auf Störung angelegt zu sein. Unfriedlich sind nämlich nur Versammlungen, die als Ganze auf physische, aggressive Gewalt abzielen, auf “Gewalttätigkeiten”, nicht bloße “Behinderungen”. … … …
Prof. Dr. Tim Wihl ist Rechtswissenschaftler und Gastprofessor am Lehrstuhl für Theorie der Politik der Humboldt-Universität zu Berlin.