Psychische Krisen sind kein Sicherheitsrisiko: Rechtsruck stoppen!

Offener Brief, gestartet vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, siehe unten

https://bpe-online.de/stellungnahmen/RechtsruckStoppen

https://www.instagram.com/p/Db8AYwgEVLP

Wir beobachten, dass es in mehreren Bundesländern Gesetzesreformen gibt, die die Rechte psychiatrisch Diagnostizierter immer weiter einschränken. Beispielsweise werden auf Bundesebene ein umfassender Datenaustausch vorbereitet und die ambulante Zwangsbehandlung eingeführt. Diese Entwicklungen stehen im Kontext eines politischen Klimas, in dem sicherheitspolitische Argumente zunehmend in den Vordergrund rücken. Es wird argumentiert, dass psychiatrisch diagnostizierte Personen potenziell gewalttätig seien.

Wir wenden ein:

  • Menschen mit psychiatrischen Diagnosen sind nicht häufiger gewalttätig als andere Personen.
  • Pauschale gesetzgeberische Maßnahmen sind statistisch nicht gerechtfertigt.
  • Psychiatrie-Erfahrene sind selbst überdurchschnittlich von Gewalt betroffen.


Statt Überwachung und Stigmatisierung fordern wir Unterstützung und Selbstbestimmung. Wir sagen Nein zur zunehmenden sicherheitsrechtlichen Ausrichtung von Unterstützungssystemen.

Warum ist das wichtig?

Unter dem Deckmantel der Sicherheit wird der immer stärkere Versuch unternommen, marginalisierte Gruppen zu diffamieren und Menschen zu entrechten: von der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems hin zur Forderung eines Registers für Nutzende des Selbstbestimmungsgesetzes, von geschlossenen Grenzen bis zu Vornamen-Abfragen im Bundestag. Und nun sind Krisen-Erfahrene Menschen im Visier, auch über die Kürzungen der Honorare für Psychotherapie hinaus.

Durch die Erneuerungen der Psychisch-Kranken-Gesetze, die Vorbereitung eines bundesweiten Datenaustauschs im Bundesrat und die Legalisierung der ambulanten Zwangsbehandlung werden nun auch wir und unsere betroffenen Angehörigen in den Fokus genommen.

Jede und jeder kann im Verlauf seines Lebens in schwere Krisen geraten. Sei es eine schmerzhafte Trennung, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Kündigung der Wohnung, ein Todesfall oder auch Gewalt und traumatische Erfahrungen. Psychische Krisen können uns alle betreffen.

Doch die Ausweitung polizeilicher Zuständigkeiten auf den Bereich psychiatrischer Versorgung ist nicht zielführend. Die Polizei selbst hat in den vergangenen Jahren ihre Unfähigkeit im Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen gezeigt. Nicht selten endet es für die Betroffenen tödlich, wenn sie auf die Polizei treffen.

Die Menschenrechte gelten auch für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und Behinderte! Ausgeschrieben sind diese in der UN-Behindertenrechtskonvention. Diese hat Deutschland 2009 ratifiziert – möchte sie also umsetzen. Und dennoch: Die Psychisch-Kranken-Gesetze sind Sondergesetze für Diagnostizierte – das ist diskriminierend. Es sind keine Gesetze für alle, die sich „gefährlich“ verhalten.

Gleichzeitig wird der Blick von den strukturellen Ursachen psychischer Krisen abgelenkt und Präventionsmaßnahmen im Bereich sozialer Sicherung werden mehr und mehr abgebaut. Anstelle von Antidiskriminierung wird die Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen vorangetrieben. Gesetze, die sich an psychiatrische Diagnosen knüpfen, stellen eine Ungleichbehandlung dar, die weder mit dem Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes noch mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar ist.

Die derzeit zu beobachtenden Verschärfungen sind symbolpolitische und populistische Reaktionen auf Einzelfälle. Eine solche Gesetzgebung ist nicht geeignet, gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Zeichne jetzt unseren offenen Brief an die Innen- und Gesundheitsminister*innen der Länder und des Bundes mit! Die Abgeordneten haben es in der Hand, diskriminierende Gesetze zu stoppen!

Unser offener Brief in vollständiger Form, unter:

https://weact.campact.de/petitions/psychische-krisen-sind-kein-sicherheitsrisiko-rechtsruck-stoppen

Psychische Krisen sind kein Sicherheitsrisiko

Jetzt Unterzeichnen

Offener Brief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE) an die Gesundheits- und Innenminister*innen der Länder zum Zusammenhang von aktuellem Rechtsruck und psychiatriepolitischen Gesetzesverschärfungen

Psychische Krisen sind kein Sicherheitsrisiko: Rechtsruck stoppen!

In mehreren Bundesländern ist derzeit zu beobachten, dass Gesetze im Bereich der Unterbringung und Behandlung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen verschärft werden oder entsprechende Vorhaben vorbereitet werden. Diese Entwicklungen stehen im Kontext eines politischen Klimas, in dem sicherheitspolitische Argumente zunehmend in den Vordergrund rücken. Ausgangspunkt dieser Gesetzesinitiativen sind schwere Gewalttaten, bei denen psychisch diagnostizierte Personen als Täter*innen in Erscheinung getreten sind. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen greifen jedoch zu kurz und führen zu Regelungen, die weder geeignet noch erforderlich sind, um vergleichbare Taten künftig zu verhindern.

Zunächst ist festzuhalten, dass Menschen mit psychiatrischen Diagnosen nicht häufiger gewalttätig sind als andere. Für bestimmte Subgruppen lassen sich statistische Auffälligkeiten feststellen. Diese erreichen jedoch kein Ausmaß, das pauschale gesetzgeberische Maßnahmen rechtfertigen würde. Gleichzeitig sind psychiatrieerfahrene Menschen überdurchschnittlich häufig selbst von Gewalt betroffen.

Vor diesem Hintergrund ist die gegenwärtige Entwicklung hin zu einer stärkeren sicherheitsrechtlichen Ausrichtung der Psychisch-Kranken-Gesetze kritisch zu bewerten: Regelungen, die ursprünglich der Hilfe und Unterstützung dienen sollten, werden zunehmend um Elemente der Gefahrenabwehr ergänzt oder in diese Richtung umgestaltet.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Entwicklung ist die Ausweitung von Befugnissen zur Datenweitergabe an Polizeibehörden sowie die Diskussion um die Einrichtung entsprechender Register. Teilweise sollen dabei auch sensible Gesundheitsdaten übermittelt werden (insb. im Zusammenhang mit freiheitsentziehenden Unterbringungen).

Derartige Maßnahmen begegnen erheblichen rechtlichen und fachlichen Bedenken:

  • Eine an Diagnosen anknüpfende Sonderbehandlung stellt eine Ungleichbehandlung dar, die mit dem Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes sowie mit der UN-Behindertenrechtskonvention nicht vereinbar ist.
  • Es ist nicht ersichtlich, dass die geplanten Maßnahmen geeignet sind, schwere Gewalttaten zu verhindern. In bekannten Fällen hätte eine Datenweitergabe an Polizeibehörden keine Gewalttaten verhindert, in einigen Fällen wurden Daten weitergegeben.
  • Die Ausweitung polizeilicher Zuständigkeiten auf den Bereich psychiatrischer Versorgung ist systematisch verfehlt. Behandlung und Nachsorge gehören in die Verantwortung medizinischer und psychosozialer Fachkräfte, und auch gesamtgesellschaftlich muss es eine Verantwortungsübernahme für die vulnerabelsten Gruppen geben. Im Einklang mit der UN-BRK müssen betroffenenkontrollierte und betroffenenkonzipierte Projekte gefördert und ausgeweitet werden.
  • Die vorgesehene Datenweitergabe und die stärkere Einbindung von Sicherheitsbehörden sind geeignet, das Vertrauensverhältnis zwischen Betroffenen und Hilfesystem nachhaltig zu beeinträchtigen. Es ist zu erwarten, dass notwendige Unterstützungsangebote aus Angst vor behördlichen Konsequenzen künftig seltener in Anspruch genommen werden. Die systematische Datenweitergabe ist mit der ärztlichen Schweigepflicht unvereinbar.

Darüber hinaus ist die in den Gesetzentwürfen erkennbare Ausweitung des Gefahrenbegriffs problematisch. Unbestimmte, in die Zukunft gerichtete Gefahrenannahmen (auch „Dauergefahr”) sowie die Heranziehung von Kriterien wie einer vermeintlich fehlenden „Krankheitseinsicht“ führen zu erheblichen Unsicherheiten bei der Anwendung und bergen die Gefahr unverhältnismäßiger Grundrechtseingriffe.

Gleichzeitig wird der Blick von den strukturellen Ursachen psychischer Krisen abgelenkt. Effektive Prävention erfordert insbesondere Maßnahmen in den Bereichen soziale Sicherung, Wohnraumversorgung, Zugang zu Arbeit sowie Antidiskriminierung und Entstigmatisierung. Zudem bestehen bereits gesetzliche Grundlagen zur Gefahrenabwehr, die jedoch nicht konsequent genutzt werden. Die derzeit zu beobachtenden Verschärfungen sind vor diesem Hintergrund als überwiegend symbolpolitische und populistische Reaktionen auf Einzelfälle zu bewerten. Eine solche Gesetzgebung ist nicht geeignet, nachhaltige Verbesserungen zu erzielen.

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener spricht sich daher gegen weitere Verschärfungen der Psychisch-Kranken-Gesetze, gegen die Einrichtung von Gefährderregistern durch die Hintertür sowie gegen eine routinemäßige Datenweitergabe an Polizeibehörden aus. Erforderlich ist stattdessen eine Stärkung ambulanter und freiwilliger Hilfesysteme, insbesondere der Selbsthilfe, eine klare Trennung von Behandlung und Gefahrenabwehr sowie die konsequente Wahrung der Selbstbestimmungsrechte der Betroffenen.

Die Rechte von Menschen mit Behinderungen sind nicht verhandelbar und dürfen auch durch einen klaren Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft, der derzeit sicherheitspolitischen Druck erzeugt, nicht relativiert werden.

Wir fordern die Gesundheits- und Innenminister*innen der Länder, sowie die Politiker*innen des Bundes auf, ihre Reformen an der UN-BRK statt an populistischen Stimmungen auszurichten!

Erstunterzeichnende:

Peter Lehmann (Dr. phil. h.c., Dipl-Pädagoge, Sozialwissenschaftler und Autor in Berlin)

Evelyn Schötz (MdB, die Linke)

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener (die-BPE)

Pandora – Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener e.V. (Nürnberg)

Nicole Hobrecker (Dipl.-Psych.; Psychologische Psychotherapeutin, Solingen)

Rote Hilfe e.V.

Landesverband Psychiatrie-Erfahrene NRW e.V. 
Prof. Dr. Sebastian von Peter (Oberarzt StäB Team Universitätsklinik Rüdersdorf/ Professur für psychiatrische Versorgungsforschung Medizinische Hochschule Brandenburg)

Gisela Puschmann (Euthanasie Opferangehörige, Rechtsanwältin a.D.)

Mitzeichnende:
Oval Office Bar / Kosmopolis e.V.
Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V.
Kreisverband Die Linke Essen
Rutfront Fastelovendsbund e.V.

Weitere Infos:
https://netzpolitik.org/2025/psychische-erkrankungen-polizeiliche-erfassung-bringt-stigmatisierung-statt-schutz/

https://www.laekh.de/presse/pressemitteilungen/detail/resolution-zum-psychkhg
https://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de/politisches/2026-verschaerfung-verschiedener-psychkgs.html