Veranstaltungsreihe „Bitte Folgen!?“ in Hildesheim – auf dem Weg in den Polizeistaat?

Ein Input von der Roten Hilfe e.V. Hannover

ob Antifa Ost Verfahren, Repressionen gegen Palästinademos, Debanking linker Vereine, Aufrüstung und Gesetetzesverschärfungen. Die Zeichen stehen auf autoritären Staatsumbau. Gemeinsam mit der Roten Hilfe Hannover wollen wir uns den aktuellen Entwicklungen annehmen und schauen wie gemeinsam getragene Solidarität aussehen kann. Im Anschluss Sokü.

siehe auch:

Veranstaltungsreihe „Bitte Folgen!?“

Aufruf: Das Wort „Autoritarismus“ geistert in den letzten Jahren in fast jeder Diskussion und Analyse als Schlagwort herum. Mal mehr, mal weniger differenziert wird es genutzt, um sich den Zustand der Welt zu erklären. Im umgangssprachlichen Gebrauch ist klar, was damit gemeint ist, aber um den Begriff wirksam als Analyseinstrument zu nutzen, brauchen wir mehr Tiefe und mehr Perspektiven auf diesen Begriff. Um herauszufinden, was Autoritarismus ist und was ihn so gefährlich macht, haben wir uns einige Gäste eingeladen, mit denen wir von Januar bis April bei vielen spannenden Veranstaltungen darüber diskutieren wollen.

Seit den 1920er Jahren gibt es Forschung zu Autoritarismus und autoritärer Herrschaft, die damals von Max Horkheimer und Erich Fromm in Frankfurt vorangetrieben wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und in Angesicht der Verbrechen des Holocaust widmeten sich dann Adorno und Else Frenkel-Brunswik der Thematik. 1950 veröffentlichten sie ihre „Studien zum Autoritären Charakter“, die als Meilenstein in der Psychoanalyse und der Erklärung der gesellschaftlichen Grundlagen des Holocaust gilt. Das hier entwickelte Autoritarismus-Konzept stellt noch heute eine zentrale Referenz der Vorurteilsforschung dar. Es geht darum, autoritäre Positionierungen im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Widersprüchen betrachten, in denen sie entstehen. 

Es scheint, als ob die Welt in den letzten Jahren eine autoritäre Wende erlebt. Rechte Parteien kommen weltweit an die Macht, rechtsextremes Gedankengut ist überall weit verbreitet; Es folgt Krise auf Krise und ein selbsternannter Retter jagt den Nächsten. Dem scheinbar offeneren Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte droht nun ein Autoritarismus zu folgen. Im 19ten und Anfang des 20ten Jahrhundert führten Arbeiter*innen harte gewerkschaftliche Kämpfe um Arbeitszeitverkürzungen und Arbeitsrechte. Die Form der Lohnarbeit, wie sie heute unser Leben bestimmt, wurde von diesen Kämpfen geprägt. Ihnen verdanken wir zum Beispiel den 8-Stunden-Tag oder das freie Wochenende. Mitte des 20ten Jahrhundert wandelte sich dann der Liberalismus zum Neoliberalismus. In den 1980er Jahren führte das in den Industrienationen dann zum Abbau des Sozialstaats und zur Herrschaft des „freien Marktes“. In den 2000er und 2010er Jahren wurden von links dann vor allem Kämpfe um individuelle und gesellschaftliche Freiheiten geführt und gewonnen. Die Ehe für alle, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die Abschaffung der Wehrpflicht  waren Erfolge dieser Kämpfe. Jetzt, wo sich die autoritäre Politik weltweit zuspitzt, soll es selbst diesen Errungenschaften an den Kragen gehen. Der 8-Stunden-Tag soll abgeschafft und die Wehrpflicht wieder eingeführt werden. Asylrecht wird immer weiter verschärft. Abtreibungen werden weltweit immer weiter kriminalisiert und der Kampf um eine gerechte Gesundheitsversorgung von Trans-Personen droht zu scheitern. Die Liste ist lang. Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss man verstehen, dass die kapitalistischen Zwänge nie weg gewesen sind. Die Unterdrückung von Menschen ist ihnen inhärent, das System bleibt auf Wachstum ausgerichtet. Vielleicht konnte der Neoliberalismus mit seinem individuellen Erfolgsversprechen und der Aneignung  emanzipatorischer Inhalte eine Zeit lang als harmloseres, fortschrittlicheres  System scheinen, aber in Zeiten der globalen Krisen tritt seine menschenfeindliche Natur hervor. Wir müssen also klären, wie Staat, Nation, Kapital und die ganze Scheiße zusammenhängen, um zu verstehen, wie diese Strukturen jede*n Einzelne*n und die ganze Gesellschaft betreffen. Denn in unserem Alltagsleben zeigen sich diese Strukturen jeden Tag aufs Neue. Wir müssen dem Zwang der Lohnarbeit nachgehen oder harte staatliche Strafen auf uns nehmen, ohne dass uns der Wert unserer Arbeit je ganz erreicht. Wir sind gebunden an einen Staat und seine Gesetze, die uns mit Repressionen drohen, wenn wir uns seiner Autorität widersetzen. Und auch im digitalen Raum formieren sich Faschist*innen zusammen mit „Alpha Males“ und KI Bots zu einer lebensfeindlichen Front.  Nicht zuletzt hält die autoritäre Wende auch in der linken Bewegung Einzug, obwohl doch eigentlich Emanzipation und Autoritarismus einen Widerspruch darstellen müssten.

Die autoritäre Formierung macht sich in unserer kleinen Stadt deutlich bemerkbar. Stadträte klagen gegen queere Ampelmännchen, mit der KUFA droht unser einziges Sozio-Kulturzentrum dichtzumachen. Die AfD wird stärker, es wird diskutiert das Boschwerk zur Rüstungsfabrik umzubauen und erst im September 2025 wurde ein bewaffnetes Neonazi-Netzwerk aus Cops und Soldaten in der Region aufgedeckt. Es scheint überfällig, sich eingehend mit dem Konzept „Autoritarismus“ auseinanderzusetzen. Wir haben versucht, ein ausgewogenes Programm auf die Beine zu stellen, mit Einführungsveranstaltungen und auch einigen Vorträgen, die sich mit ganz konkreten Fragen beschäftigen. Wir freuen uns schon sehr auf die Reihe und am meisten natürlich auf euren Besuch!